Der peruanische Zeichner Juan Acevedo und seine Comic-Legende „El Cuy“

 

Geliebt und am Ende doch gegessen: Das Cuy (Meerschweinchen) spielt in den Andenländern eine ganz andere Rolle als hierzulande, wo es als kommunikatives Haustier Kinderherzen höherschlagen lässt. Dort bereichert es den Speiseplan, allein in Peru werden jährlich etwa 65 Millionen Cuys verspeist. Außerdem wird es für rituelle Handlungen innerhalb der traditionellen Medizin eingesetzt, um zum Beispiel eine kranke Person zu „reinigen“ oder eine Krankheit zu diagnostizieren. Auch als Opfergabe sind Meerschweinchen traditionell genutzt worden. Der peruanische Zeichner Juan Acevedo erwählte dieses emblematische und zugleich leckere Tierchen, damit es als Comicfigur die Gesellschaft Perus scharfsinnig und humorvoll kommentiert. Vorhang auf für: El Cuy!

 

Geboren wurde es am 19. November 1979 in Lima, und zwar in „La Calle“ (Die Straße). Der Name dieser Wochenzeitung war Programm, denn es zeigte die Berufung des Cuy für die Straße und die einfachen Leute. In „La Calle“ fanden auch Journalist*innen der Zeitschrift „Marka“ Unterschlupf, da ihr Medium von der Diktatur unter General Morales Bermúdez geschlossen worden war. Ich hatte die ersten Folgen vom Cuy im Mai 1977 gezeichnet und zwei Zeitungen vorgestellt, ohne Erfolg. Ich wollte eine Persönlichkeit entwerfen, die für das Peruanische stand. Nachdem ich unsere Fauna durchforstet hatte, blieb ich beim Cuy, das ich von klein auf kannte. Das Cuy war bis dato nicht für Geschichten genutzt und stets übergangen worden. Deswegen ging es seit den ersten Bildstreifen viel um seine Identität, dass es nicht anerkannt wird, nicht weiß, wer es ist, mit einer Maus verwechselt wird etc.

Im Jahr 1980 ging das Cuy zur Zeitung „El Diario de Marka“ und wurde zum Comic-Helden. Sein Freund Humberto bekam die Gestalt eines Hundes. Das Cuy wurde immer mehr zu einer Persönlichkeit, die auf der Seite der sozialen Bewegungen stand. Es widmete sich eher sozialen als tagespolitischen Fragen, manchmal überwogen aber letztere. In den 80er-Jahren taucht Marschall Videchet in den Comics auf, der Erzfeind des Cuy. Der Marschall steht für die Militärs faschistischer Prägung, die in jenen Jahren die Länder des Cono Sur quälten. Sein Name ist eine Verbindung aus General Videla und General Pinochet, die die argentinische und die chilenische Bevölkerung unterjochten. Aus dieser Dekade stammen noch andere Gegner*innen des Cuy: Doña Rancia (die überhebliche Aristokratie), Doktor Chancho (der neoliberale Kapitalist), Tajo (der Lumpenproletarier), später noch Senderito (der Terrorismus) und der Tod. Die letzte Figur entstand 1986, mitten in der terroristischen Periode; seine Gestalt ist das Skelett einer eitlen Ratte, die zwei Liebhaber hat: Videchet und Senderito. Gleichzeitig wollte sie Cuy verführen, das sie jedoch verabscheut.

In diesen strapazenreichen Jahren wurde „El Diario de Marka“ eingestellt, aber das Cuy war zuvor schon zu               „El Observador“ gewechselt. Dann taumelte es durch einige kleinere Publikationen, weniger regelmäßig, und verschwand aus dem Blickfeld der Leser*innen. Die Leute fragten mich, ob ich das Cuy umgebracht hätte. Ich sagte: Niemals! Das Cuy ist zum Verschwinden gebracht worden, nicht tot. Ich wollte es bei verschiedenen Zeitungen unterbringen, vergeblich. Was für eine verpasste Chance: Die Leute liebten diese Persönlichkeit, aber in den Zeitungen gab es nur Absagen. Ein Redakteur sagte mir: „Das Problem besteht darin, dass es das Stigma einer linken Persönlichkeit hat.“ Ich denke aber, dass das Cuy über solche Kategorisierungen hinausgeht und sich immer wieder neuen politischen Fragestellungen widmet.

 

©Juan Acevedo

Schließlich sprach ich mit zwei Freunden, die mir vorschlugen, das Cuy in den sozialen Medien neu aufleben zu lassen. Wir begannen 2008 mit dem Blog „El Diario del Cuy“ (Das Tagebuch des Meerschweinchens), später auch auf Facebook. Der Blog hatte seine Glanzzeiten, als viele Leute dort aktiv waren, und seine Zeiten des Niedergangs; auch bei Facebook war es ein Auf und Ab.

©Juan Acevedo

Dann kam im März mit Covid-19 der Lockdown. Das Cuy war zurück, dieses Mal mit Mundschutz, und auch der Tod war mit am Start. Sechs Monate lang gab es täglich neue Cuy-Zeichnungen, die Fans des Nagetiers kommentierten fleißig.

©Juan Acevedo

©Juan Acevedo

Alles super, mit einem Haken: Solche Comics bringen kein Geld ein, ich lebte vom Ersparten und musste mal wieder arbeiten. Vor drei Monaten bekam ich einen Anruf, ob ich ein Buch zu sexualisierter Gewalt machen wollte – natürlich. So wurde das Cuy etwas vernachlässigt, bis Ende November, als das neue Buch vorgestellt wurde. Jetzt bin ich wieder täglich mit dem Cuy auf Facebook präsent. Gerade guckt es mir auf die Tasten, um zu sehen, was ich euch über es erzähle. Es schickt euch viele liebe Grüße.

 

Juan Acevedo

Übersetzung: Britt Weyde

Der Artikel erschien erstmals in der ila Nr 441 ,  Dez. 2020

https://elcuy.wordpress.com/

https://www.facebook.com/juan.acevedo.peru

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