Die Erdölförderung im nordperuanischen Pazifik wurde gerade nochmal abgewendet. Andreas Baumgart erklärt die Hintergründe.
In dem folgenden Artikel „Ceviche sí, petroleo no“, der erstmals in der Zeitschrift ila vom Juni 2018 erschienen  und auch online zugänglich ist*, wurden die verschiedenen problematischen Aspekte der Erdölförderung im Nordpazifik beschrieben. Vorweg ergänze ich noch einige Informationen zur aktuellen Entwicklung. Am 23. Mai hatte der neue peruanische Präsident Martin Vizcarra 5 von Pedro Pablo Kuczynski erlassene Dekrete aufgehoben, die der Firma Tullow die Genehmigung zur Erforschung und Ausbeutung von 5 Erdölfeldern im Nordpazifik erteilten. PPKs Dekrete hatten für viel politischen und sozialen Widerspruch gesorgt und die Problematik der Offshore-Ölförderung ins öffentliche Bewusstsein gebracht.

Nach der Rücknahme steht die Regierung unter dem Druck einer starken Offensive seitens der Erdölproduzenten und deren Organisationen. Sie beklagen die niedrige Rentabilität in der Ölförderung, die vermeintlich zu hohen bürokratischen und steuerlichen Hürden, die sozialen Konflikte und eine investitionshemmende Ungewissheit in Hinblick auf die maritime Ausbeutung von Kohlenwasserstoffen. Sie verweisen auf die großen ungenutzten Reserven und die tausenden schon existierenden und wieder versiegelten Bohrlöcher im nördlichen Pazifik. Unter anderem wird argumentiert, dass Peru gerade einmal 49000 Barrel täglich produziere, während im ganzen Land 200000 verbraucht würden. Dies zwinge Peru zum Import von Erdöl.

Trotz der Rücknahme der Dekrete, hat die neue peruanische Regierung ein großes Interesse an einer verstärkten Offshore-Ausbeutung und an guten Beziehungen zu den Investoren. Das zeigt sich auch in der Ernennung von Eduardo Alfredo Guevara Dodds zum Vizeminister für Kohlenwasserstoffe und Seferino Yesquén zum Präsidenten von Perupetro mitte Juni diesen Jahres. Der peruanische Verband für Kohlenwasserstoffe, „Sociedad Peruana de Hidrocarburos“ (SNMPE), der die Interessen der Ölindustrie vertritt, begrüßte ausdrücklich diese „lange erwarteten“ Personalien: „Diese Ernennungen stärken die Erdöl- und Erdgasindustrie. Beide sind Professionelle mit anerkanntem Werdegang und werden ihre Erfahrung einbringen, um eine konkurrenzfähig Industrie aufzubauen, die Produktion von Erdöl zu erhöhen, mehr Investitionen anzulocken und um neue Verträge zur Erkundung und Ausbeutung unterzeichnen.“*

Seit dem 13. Juni führt der Präsident der staatlichen Perupetro, Seferino Yesquén, Gespräche mit Tullow Oil über die Exploration und Förderung der umstrittenen 5 Felder und hat angekündigt, gemeinsam mit der Firma einen neuen Prozess der zivilgesellschaftlichen Beteiligung in Angriff zu nehmen.

Am 17. Juni überraschte der Geschäftsführer der Beratungsfirma Enerconsult, Carlos Gonzales in der piuranischen Regionalzeitung El Tiempo die Öffentlichkeit mit der folgenden These über die Hintergründe der Fischerei-Proteste und schleppenden Offshore-Produktion: “Weil es sich um Drogenrouten handelt, passt es ihnen nicht, dass das Meer erkundet wird, weil das zur Kontrolle führt.“ Hinter den sozialen Konflikten, die Vizcarra zur Rücknahme der Dekrete von PPK zwang, stünden sowohl die Drogenmafia als auch die illegale Fischerei. Legale Förderaktivitäten müssten mit verstärkter maritimer Überwachung durch Patrouillenboote und verbesserten Sicherheitsstrukturen in den Häfen abgesichert werden. Daher hätten beide kein Interesse an legaler Erdölförderung. Menschen mit guten Absichtwürden dabei der Mafia nur in die Hände spielen.*

 

Es ist in der Tat nicht auszuschließen, dass die Drogenmafia im Interessenskampf mitspielt. Die wichtigsten Drogenrouten aus Peru haben sich in der letzten Zeit vom Lufttransport auf den Seetransport verlagert. Neben dem Hafen Callao bei Lima, derzeit noch wichtigster Ausganspunkt der Drogentransports in die Welt, wird der Hafen von Paita im nördlichen Departement Piura immer wichtiger und beliebter. Er verfügt weder über die nötige technische und polizeiliche Ausrüstung noch das spezialisierte Personal für die Drogenfahndung.* Die Drogenroute im pazifischen Norden führt auch durch die Ölförderregionen und Fanggründe der illegalen Fischerei. Siehe Link zur interaktiven Karte* Das delegitimiert allerdings nicht den Kampf gegen jegliche Offshore-Förderung, die verheerende Konsequenzen für Menschen und Umwelt mit sich bringen kann und wird. Diese schließt der Lobbyist Gonzales gemeinsam mit seinen Finanziers aus der Ölindustrie vollständig aus. Die Förderregionen befänden sich in tiefem Wasser weit außerhalb der Küstenzonen und könnten deshalb auch die handwerkliche Fischerei und die Fauna und Flora nicht beeinträchtigen, so SNMPE.

Ein hoffnungsstiftendes Signal für die maritime Fauna und Flora wurde durch die neue Umweltministerin Fabiola Muñoz im Juni gesetzt: Sie hat den Beginn der Etappe der Konsultationen mit der Zivilgesellschaft über die seit 2013 angestrebte Schaffung des Naturreservats „Reserva Nacional Mar Tropical de Grau“ angekündigt. Naturreservate schützen zwar nicht grundsätzlich vor Nutzung der Maritimen und unterirdischen Ressourcen, legen aber strengere Kriterien und Kontrollen sowie Einschränkungen der Ausbeutung fest. Das neue Reservat soll neben der Fauna und Flora vor allem die handwerkliche Kleinfischerei und den Umwelttourismus schützen und die illegale Fischerei unterbinden. Das Gebiet umfasst 115 675.89 ha und bezieht Orte wie Isla Foca, El Ñuro, Banco de Máncora und die Riffe von Punta Sal mit ein.*

 

Andreas Baumgart

*https://www.ila-web.de/ausgaben/416/ceviche-s%C3%AD-petr%C3%B3leo-no

* https://gestion.pe/economia/sph-plantea-prioridades-nuevo-viceministro-hidrocarburos-233767
* http://eltiempo.pe/gerente-enerconsult-narcotrafico-pesca-negra-detras-conflictos-petrolerosgp/
* https://larepublica.pe/sociedad/893518-narcotrafico-en-paita-crece-por-inexistente-proyecto-antidrogas
* Interaktive Karte der Routen: https://www.thinglink.com/scene/937877378007302146?buttonSource=viewLimits
* http://www.actualidadambiental.pe/pacificotropical/

 

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