„Rechte der Natur – Biozentrische Ethik und Umweltpolik“

… so heißt das neue Buch von Eduardo Gudynas, Sozial-Ökologe am Centro Latino Americano de Ecología Social (CLAES) in Montevideo, Uruguay. Gudynas ist einer der Vordenker des Post-Extraktivismus in Lateinamerika und versteht sich selbst als akademischer Aktivist, der gemeinsam mit sozialen Bewegungen und akademischen Institutionen zu Themen wie Umwelt und Entwicklung forscht.

In dieser, zum ersten Mal in Peru herausgegeben Publikation, welche vom PDTG , RedGE , CooperAccion und CLAES gemeinsam publiziert wurde, widmet er sich der Frage: Welche Rechte hat die Natur? Um diese Frage zu beantworten, unterzieht Gudynas in seinem Buch das westlichen Entwicklungsmodell einer umfassenden Kritik und zeigt Alternativen auf, in denen sowohl Natur und Mensch die gleichen Werte haben. Dieses Modell nennt er Biozentrismus.

Gudynas stellte „Derechos de la Naturaleza“ am 9. September 2014 an der Universidad Antonio Ruiz de Montoya in Lima vor. Am 11. September gab er am Instituto Raul Porras Barrenechea einen Workshop über die Inhalte dieses Buches, an dem eine heterogene Gruppe von ca. 30 Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Student_innen und anderen Interessierten teilnahm. Hauptorganisatoren des Workshops waren mit RedGe (Red para una Globalización con Equidad)  und dem PDTG (Programa Democracia y Transformación Global) zwei peruanische Organisationen, die eng mit sozialen Bewegungen zusammenarbeiten, welche gegen das in Peru vorherrschende Entwicklungsmodell des Extraktivismus mobilisieren. Das Werk von Gudynas ist eine Synthese von westlichen und indigenen Ansätzen des Post-Extraktivismus und des Buen Vivir,  sowie eine fundierte Analyse der rechtlichen, ethischen und sozialen Aspekte des Biozentrismus. Zudem liefert das Buch konkrete Handlungsalternativen für politische Akteure.Damit ist dieses Werk ein entscheidender Beitrag zu der nationalen, aber auch internationalen Debatte um Rohstoffausbeutung und die Rechte indigener Gemeinschaften.

Buen Vivir ist nicht Biozentrismus
Die Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung solch eines Entwicklungsmodells beleuchtete er in dem Workshop, indem er auf die aktuelle Politik Ecuadors und Boliviens einging, wo der Diskurs über die Rechte der Natur zentral geworden ist: Obwohl dort Buen Vivir groß geschrieben werde, basierten die Volkswirtschaften dieser Länder weiterhin auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Die Natur werde weiterhin instrumentalisiert. Das sei, so Gudynas,  ein zentraler Unterschied zum Biozentrismus , der dem Schutz und der Bewahrung der Natur den höchsten Stellenwert einräumt, unabhängig von ökonomischen, ästhetischen oder anderen Faktoren.
Allerdings gäbe es auch ebenso viele alternative Konzepte, welche die Natur nicht nur rein ökonomisch betrachteten. Zur Veranschaulichung dieser These skizzierte Gudynas einige Beispiele von die Natur einschließender Staatsbürgerschaften, wie zum Beispiel die Ciudadanía florestanía (von floresta= der Regenwald) der Kautschuksammler_innen/Seringueri@s im brasilianischen Regenwald. Die Arbeits- und Lebensweise der Seringueir@s und deren staatsbürgerlichen Rechte könnten nur in Einklang mit dem Schutz des Regenwalds erfüllt werden.

Gudynas zeigte damit auf, dass menschliche Gemeinschaft und Natur weniger getrennt, sondern stärker zusammengedacht werden sollten.
Gudynas nutzte diese Beispiele auch dafür, um zu verdeutlichen, dass die Rechte der Natur immer lokal sind – da sie an das Territorium und an die Geschehnisse vor Ort gebunden sind. Wenn man diese Rechte als konkrete Rechte versteht, deren Erfüllung durch den Staat eingefordert werden kann, zeigten sie außerdem auf, wie der Diskurs über die Rechte der Pachamama und des Buen Vivir von politischen Entscheidungsträgern in Lateinamerika genutzt werde, um politische Ziele zu erreichen, die nichts mit einer Abkehr vom Wachstumsglauben zu tun hätten. Evo Morales würde zum Beispiel den globalen Norden in die Pflicht nehmen und einen globalen Vertrag über die Rechte der Mutter Natur einfordern; er würde aber davon absehen, diese Rechte in der nationalen Verfassung zu verankern – was diese Rechte einklagbar machen würde.

Weitere Fragen
Weitere Themen, die im Workshop behandelt wurden, und die die Debatte um Post-Extraktivismus, Buen Vivir und die Rechte der Natur bereichern, sind:
• Wie müssen sich Vorstellungen von Natur, aber auch die legalen, politischen und ökonomische Rahmenbedingungen ändern, wenn die Natur als (Rechts-)Subjekt verstanden wird?
• Inwiefern tragen die verschiedenen Konzeptionen des Buen Vivir/Sumak Kawsay, die Tiefenökologie und der Ökofeminismus zu einer neuartigen Konzeption des Verhältnisses von Mensch und Natur bei und welche Konsequenzen hat dies für die politische Praxis, aber auch für ethische und moralische Vorstellungen?
• Die biozentrische Sicht auf die Natur bricht radikal mit unserer gesellschaftlichen Ordnung, die auf eine Hierarchisierung (zwischen Mensch und Tier, Lebewesen und Natur, aber auch zwischen Menschen) beruht. Wie können die schon existierenden Ansätze, welche die Natur als gleichwertiges Subjekt verstehen, in einem gesellschaftlichen System, welches noch immer von Kolonialität durchdrungen ist, durchgesetzt und gestärkt werden? Insbesondere dann, wenn die Gemeinschaften, deren sozialen Kämpfe auf solchen Konzeptionen beruhen, weiterhin ausgegrenzt werden?
Insgesamt gab  der Workshop, durch den Gudynas mit Kritik und Humor führte, einen umfassenden Einblick in die Inhalte des 211-Seiten langen Buches, welches einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Debatte – in den Andenländern, aber auch weltweit – über Umweltgerechtigkeit, Post-Extraktivismus, Buen Vivir und De-Growth darstellt.

Johanna Leinius (Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies) und Mattes Tempelmann (Red Muqui, Perú)

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