Ein Kommentar von Carlos Herz zu den Ereignissen um Tía María

Die Ereignisse um das Bergbauprojekt Tía María haben deutlich gemacht: Wir befinden uns in einer Staatskrise, der Regierung fehlt es offensichtlich an Legitimität und Repräsentativität. Wo bleiben Zivilgesellschaft, Demokratie, Dialog? Und es fehlt uns eine gemeinsame Zukunftsvision für ein Entwicklungsmodell für dieses Land.

 

Dies macht die Analyse und die Suche nach Lösungen noch komplexer, egal ob es um die Problematik von Tía María, den Flughafenbau in Chinchero, den Bau von Staudämmen oder um Kakao- und Palmölplantagen im Primärwald geht.

 

Im Konflikt um Tía María rührt die massive Ablehnung der Mine vom großen Risiko für die Wasserversorgung her, die für die Land- und Viehwirtschaft als wichtigste wirtschaftliche Aktivität im Tambo-Tal so nötig ist. Der Konflikt wird noch verschärft durch die Vorgeschichte des Minenunternehmens, die großes Misstrauen provoziert.

 

Wichtig ist hervorzuheben, dass einige der Bergbaugegner*innen mittlere und große Agrarunternehmer*innen sind, die ihre Investitionen bedroht sehen. Das zeigt, dass die Ablehnung des Bergbauprojektes kein Widerstand gegen private Investitionen generell ist, wie es in den Medien gerne behauptet wird. Vielmehr werden Alternativmodelle für wirtschaftliches Wachstum in die Diskussion gebracht.

 

Ist die  Bergbauwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes? Der Bergbau  macht 60% der Exporte aus, 11% der privaten Investitionen, 10% der gesamten wirtschaftlichen Produktion, 5% der Arbeitsplätze, 5% der Steuereinnahmen. Zum Vergleich: Die Landwirtschaft trägt mit 13% zu den Exporten bei und macht 26% der Arbeitsplätze und 6% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Im Tourismus waren 2018 landesweit 8,8% der Arbeitnehmer*innen beschäftigt. Sein Beitrag zum BIP betrug 4,7% und die Einkünfte entsprachen mehr als 9% der gesamten Exporte Perus.

 

Kann es einen verantwortlichen Bergbau geben? Auf jeden Fall nicht, wenn es sich um eine illegale Mine handelt, ebenso wenig, wenn Minen wichtige Wasserquellen, Fluss- und Ökosysteme bedrohen oder die lokale Kultur beschädigen.

 

Wenn man diese Kriterien ansetzt, ist dann jede landwirtschaftliche Aktivität eine nachhaltige Alternative? Wie viele hunderte Liter Wasser verbraucht ein Kilo Spargel in der Wüste von Ica, wie sehr beschädigt es das Ökosystem der Küste und die Puna von Huancavelica? Wie viele Kleinbauern und -bäuerinnen werden von ihrem Land vertrieben, und wie stark beeinträchtigt der Anbau von Avocados für den Export in Petorca, Valparaíso in Chile die lokale Ernährungssicherheit? Wie sehr unterscheidet sich dieses – stark subventionierte – Agrarmodell von der bäuerlichen Landwirtschaft, die die Ernährungssicherheit für die Mehrheitsbevölkerung sicherstellt und trotzdem keinerlei Unterstützung erhält?

 

Und sind die illegalen Waldrodungen nicht auch eine Form von Extraktivwirtschaft? Mehr als 70% des exportierten Holzes stammt aus dieser ungesetzlichen Praxis. Was soll man über den Kakao sagen, den wir so schätzen, oder über das Palmöl, das überall in der Lebensmittelindustrie verwendet wird? Beide werden angebaut, indem Primärwälder vernichtet werden, ohne dass die Behörden einschreiten.

 

Auch der Tourismus kann eine Option zur Diversifizierung von Gütern und Dienstleistungen für eine nachhaltige territoriale Entwicklung sein. Aber: Hält man den Masterplan für Machu Picchu ein, indem man mehr als 5000 Tourist*innen pro Tag einlässt, doppelt so viel wie von der UNESCO empfohlen? Und gibt es ein angemessenes Tourismusmanagement in Cusco, in Madre de Dios, in Iquitos oder in Nazca? Wie viele Steuern werden hinterzogen? Wie viel profitieren die lokalen Gemeinden? So kann man viele wirtschaftliche Aktivitäten aufzählen, die zwar nicht extraktiv im Wortsinn sind, aber dennoch einer gleichberechtigten, inklusiven und nachhaltigen Entwicklung schaden.

 

Für eine wirklich nachhaltige Entwicklung müssen die Wirtschaftszweige gefördert werden, die die Ressourcen vor Ort nachhaltig nutzen. Die Realität ist derzeit eine ganz andere. Während die Extraktivwirtschaft wie Bergbau, Agrarexporte und Fischindustrie Steuervorteile genießen, die nichts anderes als Subventionen und Anreize sind, profitieren weder die bäuerliche Landwirtschaft noch der Ökotourismus oder kleine und mittlere Betriebe von solchen Bedingungen. Eigentlich müssten genau sie bevorzugt werden: Sie sind nachhaltig, schaffen Arbeitsplätze und zahlen Steuern, sie reduzieren die Armut und ermöglichen soziale Inklusion. 

 

Es geht also darum, eine konsensorientierte und verbindliche Territorialordnung zu schaffen, mit den technischen und politischen Instrumenten für eine partizipative Planung. Lokale Ressourcen müssen identifiziert und gefördert werden. So entsteht ein Wettbewerb der Regionen (nicht allein der Unternehmen), der die Institutionen stärkt und bürgerschaftliche und demokratische Kompetenzen fördert. Der interkulturelle Dialog, Geschlechtergerechtigkeit und eine gemeinsame Zukunftsvision sollten wesentlicher Bestandteil eines solchen Territorial-Managements sein.

 

Dieser Prozess braucht verschiedene Strategien, wie sie auch CEPAL  (UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik) vorschlägt: eine Steigerung der Produktivität und Rentabilität der bestehenden wirtschaftlichen Initiativen und deren Einbezug in Wertschöpfungsketten und dynamische und inklusive Märkte; Anreize für Investitionen in Wirtschaftsbetriebe und Infrastrukturmaßnahmen, die die lokale wirtschaftliche Entwicklung fördern. Lokale autonome Instanzen müssen gestärkt, mit spezifischen Kompetenzen ausgestattet und in ihrem Territorium legitimiert werden. So können sie eine gemeinsame Agenda für Entwicklung aufstellen. In ihr werden verpflichtende Aktionspläne im Rahmen von Kommunal- und Regionalverbänden entwickelt, mit effektiven Kontrollmechanismen.

 

Eine neue Entwicklungsvision, eine neue politische Klasse, neue soziale und politische Institutionen und eine große Mobilisierung der Zivilgesellschaft sind die Stütze und Garantie für eine Territorialentwicklung im vorgeschlagenen Sinne.

 

Carlos Herz ist Anthropologe und Politologe und als Berater tätig.

 Zusammengefasst und übersetzt von Annette Brox

Original in spanisch: http://www.noticiasser.pe/opinion/mina-agro-desarrollo-territorial-primero

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