Eine umstrittene Maßnahme der peruanischen Regierung schlägt hohe Wellen und findet ein stilles Ende.

Ab dem 3. April galt in Peru: Männer dürfen nur montags, mittwochs und freitags, Frauen nur dienstags, donnerstags und samstags auf die Straße, um ihre lebensnotwendigen Dinge zu erledigen. Diese Maßnahme sollte vorerst bis zum 12. April gelten. Als ich dies zum ersten Mal hörte, dachte ich an einen verspäteten Aprilscherz. Nun, es ist leider keiner. Die peruanische Regierung setzt auf eine Maßnahme, die frühbürgerlichen oder religiösen Zeiten entsprungen sein könnte. Es war einmal, als Jungs und Mädchen auf verschiedene Schulen gehen mussten oder Schulklassen nach Geschlechtern getrennt wurden. Es gibt immer noch Länder, die so funktionieren und zu Recht dafür kritisiert werden. Die westlich orientierten, aufgeklärten Republiken, haben bisher nicht dazu gehört.

Was verspricht sich die Regierung von so einer verfassungsrechtlich zweifelhaften und in mancher Hinsicht diskriminierenden Maßnahme? Sie möchte die Zahl der zirkulierenden Personen möglichst um die Hälfte reduzieren. Das ist ausgesprochen schwierig zu kontrollieren. Eine Trennung nach Geschlecht lässt sich leichter überwachen. Eine Ausgabe von Passierscheinen ist logistisch so schnell nicht machbar.

Möglich wäre eine Variante der im Autoverkehr praktizierten Aufteilung nach „pico y placa“, indem die geraden und ungeraden Endziffern des Personalausweises herangenommen werden. Dazu müssten gegebenenfalls viele Ausweise kontrolliert werden, und die Regierung möchte die Polizei und Armee diesem Risiko nicht aussetzten.

In einem zirkulierenden Mem heißt es: Montag, Mittwoch, Freitag gehen die Männer einkaufen, Dienstag, Donnerstag und Samstag bringen die Frauen zurück, was die Männer falsch eingekauft haben. In einem Clip sieht man einen mit Whisky, Rum, Bier und Cola schwer beladenen jungen Mann, der gerade vom Einkauf zurückkommt. Während er auf sein Haus zuläuft, tönt er lauthals: „Es gibt nichts, kein Brot, keine Milch, keine Nudeln. Das ist alles, was ich noch bekommen konnte!“ So witzig wie nah an der Realität.

Wer immer diese Entscheidung getroffen hat, es waren mit Sicherheit Personen, die nicht selbst die Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen. Peru ist immer noch ein ausgesprochen machistisch geprägtes Land. Millionen Männer gehen nicht einkaufen, sie könnten es auch nicht, da sie es nie gelernt haben. Zudem verbietet es vielen ihr rigider Machocode. In der Regel erledigen die Frauen die Einkäufe. Sie wissen was sie wo finden, was sie zum Kochen benötigen und vor allem, was die Produkte maximal für sie kosten dürfen. Gerade jetzt in der Krise, wo Millionen informell arbeitender Menschen kein tägliches Einkommen mehr erzielen und immer mehr Menschen hungrig zu Bett gehen, kommt es für viele Familien und Einzelpersonen auf jeden Pfennig an. Mehr noch als sonst, muss der Einkauf wohl überlegt sein. Der Stress wächst enorm, wenn die Märkte nach den billigsten Angeboten durchsucht werden müssen.

Die Maßnahme ging nach hinten los

Da viele Männer an den erlaubten Tagen nicht einkaufen gingen, mussten nun die Frauen ihre üblicherweise kleinen täglichen Einkäufe auf Portionen für zwei Tage ausrichten, also wesentlich mehr schleppen und mehr Zeit aufwenden. Wie bewerkstelligen sie das? Indem sie so viele weibliche Familienmitglieder und Kinder wie möglich mitnehmen, die beim Tragen helfen. Halbiert sich dadurch die Anzahl der Menschen auf der Straße? Nein. Die letzten Tage haben gezeigt, dass diese Maßnahme voll nach hinten losging. Hinzu kommt, dass nun auch vor Ostern an zwei aufeinanderfolgenden Tagen eine totale Ausgangssperre verhängt wurde. Niemand durfte auf die Straße. So mussten die Frauen auch noch für mehrere Tage am Stück im Voraus einkaufen. Der Druck, die Familie versorgen zu können, hat sich dadurch noch potenziert. Und so drängten, schubsten und kämpften sich abertausende Frauen dichtgedrängt durch die Markthallen, ideale Bedingungen für die Ausbreitung des Coronavirus. Hilflose Wachmänner und Polizist*innen in Kampfmontur versuchten Abstandsregeln durchzusetzen. Meistens ein hoffnungsloses Unterfangen. Ausgetragen wurden diese absurden Maßnahmen auf dem Rücken vieler Frauen und Mädchen, die eh schon im normalen Alltag auch die größte Last zuhause tragen.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es immer noch große Gruppen von Frauen aus der Mittel- und Oberschicht gibt, die sich zwar in Boutiquen und Gyms gut auskennen, den Einkauf und das Kochen aber von Dienstpersonal erledigen lassen. Wie für die meisten Männer, geht auch an ihnen die angeordnete Geschlechtertrennung vorbei.

Protestiert haben auch Frauen- und LGTBI-Gruppen, die zu Recht auf die Gefährdung von Transpersonen hinweist. Deren Geschlechtsbestimmung entspricht im Ausweis nicht ihrem realen Geschlecht oder Genderselbstverständnis. In Peru sind sie häufig Demütigungen, Misshandlungen, Vergewaltigung und Folter durch Polizeibeamte und Armeeangehörige ausgesetzt. Immerhin hat Vizcarra betont, dass man der Polizei und Armee befohlen habe, keine homophoben Haltungen an den Tag zu legen.  Anders als Vizcarra, halten viele Menschen dieses Ansinnen für zweitrangig oder gar abwegig. Selbst einige linke männliche Politiker halten den Protest für unangebracht. Es ginge jetzt vorrangig um die Einkommenssituation.

Immerhin hat die Regierung ihren Fehler eingesehen: Die „obligatorische soziale Isolierung“ mit Ausgangssperre wurde um zwei Wochen bis zum 26. April verlängert. Von einer Einteilung der Einkaufstage nach Geschlechtern ist dort nicht mehr die Rede.

Andreas Baumgart

10.04.2020

Eine Antwort

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.