Der Ausbau einer Wasserstrasse bedroht kulturelle Gebräuche der Kukama Kukamiria.
Die Indigenen-Gemeinschaft am  Amazonas verteidigt ihre Flüsse, Nahrungsquellen und Lebensräume, die für ein Megaprojekt ausgebaggert werden sollen.

Die kleine Schwester von Raúl Padilla war 5 Jahre alt, als sie zum Waschen an den Fluss ging und nie mehr zurückkehrte. “Wir fanden ihre Kleider, ihre Seifenbox und ihre Seife, sonst nichts”, erzählt der Fischer aus der Gemeinschaft der Kukama Kukamiria aus Puerto Prado, am Flusslauf des Maranón im nordöstlichen Amazonasgebiet Perus.

Eine Woche nachdem die Kleine verschwunden war, sah der Vater von Padilla, wie sie aus dem Wasser stieg; als er ihr nachlaufen wollte, verschwand sie wieder. Ein Schamane sagte ihm, dass seine Tochter nicht tot sei, dass sie im Wasser lebte, weil ein Yakaruna – ein Wassergeist – sie geraubt hatte, um sie zu heiraten. “ Sie lebt am Grunde des Flusses “, sagte Padilla, “dort lebt sie jetzt”.

Für die Kukama – ein indigenes Volk des Amazonas, das am Ufer des Maranón lebt, und dessen Haupterwerbsquelle der Fischfang ist – ist der Fluss nicht nur Nahrungsquelle, Wasser zum Waschen oder Baden; im Fluss leben auch die Angehörigen, die ertrunken sind, deren Körper nie gefunden wurden, die aber weiterleben.

Ihre Eltern, Geschwister oder verschwundenen Kinder leben in grossen Städten am Grunde des Flusses weiter, dort hat es Plätze, Strassen, Verkehrsmittel; dort leben sie zusammen mit den Wassergeistern, den Yakarunas,  und anderen Lebewesen, die das Gleichgewicht des Lebens für die Kukama garantieren.

Diese Welt und ihre Verbindung zu den Kukama wird bedroht von einem Projekt, das diejenigen  Stellen ausbaggern will, an denen sich die Geister zurückziehen: die Amazonische Wasserstrasse möchte die Flüsse , Häfen und Strassen zwischen Brasilien und Peru miteinander verbinden , indem die Flüsse Ucayali, Maranón , Amazonas und Huallaga 24 Stunden durchgängig und das ganze Jahr über befahrbar gemacht werden für grosse Schiffe auf ihrem Weg vom Atlantik  zum Pazifik.

Dieses Vorhaben soll, so die staatliche Investitionsbehörde Proinversion, 74 Millionen US-$ kosten und ist eine von 10 Projektachsen der “Initiative für die Integration der Regionalen Infrastruktur in Südamerika  (IIRSA). In Peru hat IIRSA bisher die Strasse “Interoeceánica Süd” gebaut, die Peru, Brasilien und Bolivien verbindet, sowie die Strasse IIRSA Nord, die den Hafen von Paita, an der Nordküste, mit Yurimaguas im Amazonasgebiet verbindet.

“Schlechte Passagen ” – für wen ?

Die Pläne des Verkehrsministeriums beinhalten die Ausbaggerung von 20 sogenannten “schlechten Passagen “ (malos pasos) – Sandbänke, Stromschnellen und andere Hindernisse für die durchgängige Schifffahrt auf den erwähnten Flüssen. Aber für die Kukama sind dies wichtige Orte: dort sprechen die Schamanen mit ihren Geistern, um Menschen zu heilen. Diese Orte sollen nun verschwinden.

“Die schlechten Passagen sind für uns heilige Orte, wo die Geschöpfe unter Wasser immer wieder sich aufhalten, dorthin gehen sie, um sich zu erfrischen, wie in einen Park”, sagt  Miguel Manihuari, der Vorsitzende der Indigenen-Organisation von Samiria AIDECOS.

Die tägliche Nahrung und das Leben der Kukama scheinen auch bedroht. Bei der Ausbaggerung der “schlechten Passagen” würden auch die Sandbänke am Grunde der Flüsse entfernt, die wiederum, so der Leiter des Reservats Pacay Samiria, Herman Ruiz, all das enthalten und festhalten, was die Strömung heranschwemmt: Kunstdünger aus der Agro-Industrie und Chemikalien und Metalle aus dem illegalen Bergbau und der Drogenherstellung. Wenn der Sand entfernt wird, “dann vergiften sich die Fische mit Schwermetallen, die der Körper nicht assimilieren kann” und schädigen die Menschen , die sich von den Fischen ernähren.

Der Priester Miguel Angel Cadenas von der Pfarrei “Inmaculada” in Iquitos hat 20 Jahre bei den Kukama gelebt und weist darauf hin, dass auch das tägliche Leben betroffen sei. In die kleinen Fischerboote passen gerade mal 1 – 2 Personen zum Fischen, sie würden von den Wellen der grossen Schiffe hin und her geworfen. “Wenn auf dem Maranón auf einmal grosse Schiffe fahren, was passiert mit den Menschen, die sich in kleinen Booten fortbewegen ?“ fragt Cadenas.

Das Risiko wird noch grösser in der Regenzeit , von Februar bis Juni, wenn der Fluss anschwillt, über die Ufer tritt und das Wasser bis fast vor die Häuser ansteigt. Die “Apus” genannten Dorfpräsidenten der Kukama befürchten, dass mit den grossen Schiffen das Wasser dann die Häuser vollends  überschwemmt.

“Am Ufer des Maranón sind Dörfer; wenn die grossen Schiffe nachts vorbeifahren, während wir auf dem Boden oder auf einfachen Holzpritschen schlafen,wächst die Flut und schadet uns”, sagt ein Vertreter des Kukama-Dorfes Bagazán.

Die Indígenas werden konsultiert
In mehreren Anhörungen mit dem Verkehrsministerium konnten die Kukama und andere Indigena-Völker ihre Befürchtungen in Bezug auf den Ausbau der Wasserstrasse vorbringen. Dieser Konsultationsprozess begann, als die Kukama-Organisation ACODECOSPAT und das katholische Vikariat von Iquitos das Instituto de Defensa Legal (IDL) in Lima um Hilfe baten, um eine Klage vor dem Gericht in Nauta einzureichen.

Die Klage wurde eingereicht, als das Verkehrsministerium damit begann, das Projekt auszuschreiben, ohne die indigenen Völker vorher zu konsultieren, wie es das Gesetz zur Vorab-Konsultation verlangt. Das Verkehrsministerium ging davon aus, wie der Verteidiger des Ministeriums in seiner schriftlichen Antwort auf die Klage schrieb, dass die indigenen Völker nicht betroffen seien: “ Die Ausbaggerung einer Sandbank verstösst nicht gegen den religiösen Glauben einer Gemeinschaft”.
Dennoch entschieden zuerst das Gericht von Nauta in erster Instanz und danach der Gerichtshof von Loreto, das Projekt auszusetzen und die indigenen Völker vorher zu konsultieren.
Deshalb begann das Verkehrsministerium mi Februar 2015 mit einem Konsultationsprozess, das heisst, Informationsveranstaltungen, Debatten innerhalb der Organisationen, Dialogveranstaltungen zwischen Staats-Vertretern und indigenen Gemeinschaften. Dieser Prozess endete mit einer Versammlung vom 18. bis 22. September 2015 in Iquitos, an der die Vertreter des Verkehrsministeriums ebenso teilnahmen wie die 14 betroffenen indigenen Völker: Achuar, Ashaninka, Awajun, Bora, Capanahua, Kichwa, Kukama-Kukamiria, Murui Muinani, Shawi, Shipibo-Konibo, Tikuna, Urarina, Yagua und Yine.

Schamenen im Projektteam

Der für die indigenen Völker zuständige Ombudsmann, Jorge Abrego, streicht heraus, dass dies die erste gemeinsame Konsultation von so vielen indigenen Völkern sei; er fügt hinzu, dass schriftlich vereinbart worden sei – in einer offiziell einsehbaren Resolución Directoral – dass mindestens 3 indigene Schamanen ins technische Projektteam aufgenommen werden; ausserdem wurde eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gebildet, die den ständigen Dialog mit den indigenen Völkern, die von der Wasserstrasse betroffen sind, führen sollen. Abrego fügt hinzu, dass diese Arbeitsgruppe “die erste ihrer Art sei”. Falls die Umweltstudie weitere Beeinträchtigungen aufzeigen sollte, würden diese einem weiteren Konsultationsprozess vorgelegt.
Der Vorsitzende der Regionalen Indigena-Organisation (ORPIO) , Jorge Pérez, gehört zum Team der Arbeitsgruppe. Er meint, dass die Ängste bleiben, und dass sie hoffen, dass die indigenen Völker bei der Bewertung der Umweltstudie miteinbezogen werden.
Bis dahin fahrendie Fischer der Kukama wie immer frühmorgens hinaus zum Schiffen auf den Maranón, ohne zu wissen, ob das Projekt ihre Nahrungsquelle, ihre Gebräuche und ihr Leben beeinträchtigen wird.

Miguel Angel Angulo Giraldo

(Übersetzung: Hildegard Willer)

 

Diese Reportage ist im Rahmen des  Projektes „Junge peruanische Reporter berichten aus dem Regenwald“ entstanden. Das Projekt wurde von August bis Dezember 2015 in Peru von Infostelle Peru e.V. und Comunicaciones Aliadas durchgeführt und vom BMZ gefördert.

In dieser und in den nächsten Ausgaben des InfoPeru werden wir die deutschen Fassungen der von den jungen Journalisten verfassten Reportagen veröffentlichen.

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