Die Taricaya-Schildkröte ist dank eines kommunalen Schutzprojektes nicht mehr gefährdet. Aber wer profitiert von ihrer Vermarktung?

Nach drei Stunden Bootsfahrt ab Nauta, einem Bezirk in der Amazonasregion von Loreto, sieht das Auge nur noch eine breite grüne Decke. Der Fluss verwandelt sich in einen Spiegel, in dem sich die dichte Vegetation und die Häuser der Dörfer widerspiegeln, die mit ihren Giebeldächern – eine Schutzmaßnahme vor den starken Regenfällen – aus dem dichten Grün herausstechen. Wir sind im nationalen Naturschutzgebiet Pacaya-Samiria.

Das Schutzgebiet ist das zweitgrößte Naturschutzgebiet in Peru (2.080.000 Hektar). Etwa 206 Dörfer finden sich hier, in denen indigene Gruppen und Siedler leben.

Während der Fahrt fahren Dutzende von Fischern mit ihren Booten an uns vorbei. Sie sammeln die Eier der Taricaya-Schildkröte vom Flussufer auf und bringen sie zu künstlich angelegten Stränden in ihre Dörfer.

Nur so  hat sich die Schildkrötenart erholen können. Gleichzeitig haben sich einige Dorfbewohner damit ein bescheidenes Einkommen gesichert. Der größte Teil der Einnahmen geht jedoch an Exportunternehmen.

Eine gut organisierte Bevölkerung

Im Jahr 1994 schlossen sich Bewohner im Flussgebiet des Yanayacu Flusses zur Fischergemeinschaft Yacu Tayta zusammen. Sie bildeten die erste organisierte Gruppe zum Schutz der Taricaya-Schildkröte . Zehn Jahre beschäftigten sich die Gruppen ausschließlich mit der Eiablage und der Freisetzung der Jungtiere und sorgten damit dafür, dass sich der Bestand der Schildkrötenart deutlich erholen konnte.

2005 wurde ein erster Maßnahmenplan zum Schutz der Taricaya-Schildkröten des Naturschutzgebietes verabschiedet. Dieser ermöglichte es den Arbeitsgruppen, die Tiere für gewerbliche Zwecke nutzen zu können . Im Maßnahmenplan legte man Quoten für die Nutzung zu Gunsten der Dorfbewohner fest.

2014 sammelten die Gruppen 48.558 Schildkrötennester in den Flussgebieten des Pacaya, Samiria und Yanayacu Pucate ein. Das entspricht einem Einkommen von 1.159,24 Peruanischen Nuevo Soles (340,95 US-Dollar) für alle Arbeitsgruppen zusammen.

Die Arbeitsgruppen spüren die Eier der Taricaya-Schildkröten auf, sammeln sie vorsichtig ein und bringen sie zu künstlichen Stränden, sonnigen Freiflächen ohne Schatten von Bäumen oder Häusern. Hier müssen die Arbeiter alle Sträucher mitsamt der Wurzeln entfernen und die Nester von Ameisen befreien, damit die Tiere die Eier während der Brutzeit nicht beschädigen. Nach durchschnittlich 70 Tagen schlüpfen die Jungtiere aus den Eiern und werden dann in ihre natürliche Umwelt freigelassen.

Viel Schildkröten, wenig Geld

Die Initiative läuft gut, der Bestand der Schildkröten hat sich erholt. Aber nicht alle Bewohner der Gegend sind mit der Initiative zufrieden. Einige hatten sich von der Arbeit mehr wirtschaftlichen Nutzen erhofft und sind enttäuscht von der mickrigen Summen, die sie letzten Endes mit dem Schutz der Schildkröten verdienen.

Nilter Huaymacari Tamani, Bewohner des Dorfes 9 de octubre , in dem etwa 125 Familien leben, hat die Arbeitsgruppen aus diesem Grunde verlassen. In den zwei Jahren, in denen er um die Tiere gekümmert hätte, habe er keinen Gewinn damit gemacht, sagt er. Die staatliche Naturschutzgebietsbehörde SERNANP genehmige die Vermarktung der Tiere erst, wenn sich der Bestand der Schildkrötenart vollständig erholt habe.

Daher gehen die meisten Bewohner des Dorfes 9 de octubre  anderen Beschäftigungen nach wie dem Fischfang (Alse, Schwarzer Prochilodus, Meeräsche und Makrelen) oder der Ernte von Zitronen, Bananen, Maniok, Gurken und Wassermelonen. Beides ist für sie deutlich profitabler.

Im Gegensatz zu Huaymacari erklärt Segundo del Águila aus dem Dorf Buenos Aires , dass die Tiere nach zehn Jahren Freilassung in ihre natürliche Umwelt durchaus für die Vermarktung freigegeben seien. Das bestätige ein Abkommen mit dem SERNANP , das ihnen erlaube, 30% der gezüchteten Schildkröten wieder auszusetzen und 70% der Schildkröten zu vermarkten. Im Jahr 2015 hätten sie 150 Nester von Taricaya-Schildkröten ausgesetzt , das entspreche etwa 5000 Eiern. Del Águila sagt, er sei zufrieden mit den Einnahmen aus diesem Geschäft.

Im August 2015 begann die Kampagne für die Einsammlung und Ablage der Taricaya-Schildkröteneier im Naturschutzgebiet. 40 Schildkröten-gruppen, die von den Tieren wirtschaftlich profitieren, nahmen an den Aktionen teil. Die Kampagne endete Ende Oktober, als die Jungtiere aus den Eiern schlüpften, und brachte damit 2500 Menschen, die sich mit der Nutzung der Tiere beschäftigen, einen direkten Gewinn.

Wirtschaftliche Vorteile?

Eine Schildkröten-Arbeitsgruppe, die beispielsweise aus acht Personen besteht, kann mit ihrer Arbeit einen durchschnittlichen Umsatz von 93.000 Peruanischen Nuevo Soles (27.353 US-Dollar) erzielen. 44% dieser Einnahmen würden jedoch für Kontrolle und Überwachung ausgegeben werden. Damit bliebe jedem Mitglied der Gruppe ein monatliches Einkommen von 541 Peruanischen Nuevo Soles (160 US-Dollar).

Dieser Betrag reiche aber nicht aus, um die Grundbedürfnisse einer Familie zu decken, sagt Herman Ruiz Abecasis, Biologe und Umweltregionalkoordinator von SERNANP im Bezirk Loreto. Der Experte warnt davor, dass die Einnahmen durch die hohen Ausgaben für Kontrolle und Aufsicht (Benzin, Lebensmittel, Schmiermittel, Wartungsarbeit, Medizin und andere unvorhergesehen Kosten) deutlich geschmälert würden, da sich die Mitglieder der Arbeitsgruppen bei der täglichen Überprüfung der Gegend, bei der sie nach Rechtsbrechern Ausschau halten, abwechselten.

Noga Shanee, Vertreter der NGO Neotropical Primate Conservation, sieht das ähnlich. Wenn eine 10-köpfige Arbeitsgruppe 3.000 Schildkröten gewinnen könnte, würde jede Familie im ganzen Jahr damit nur 1500 Peruanische Nuevo Soles (441 US-Dollar) erzielen, sagt er.

Kunden in China

Zu den wichtigsten Kunden der Arbeitsgruppen zählen Unternehmen, die Taricaya-Schildkröten nach Asien exportieren. Hauptexportmarkt ist China. Dort werden Schildkröten im Haus als Symbol für Reichtum als Glücksbringer gesehen, sagt Milagros Ferreira, Geschäftsführerin von MF Tropical Fish, einem Exportunternehmen aus Loreto, das Zierfische, Eidechsen und Taricaya-Schildkröten exportiert. Die Schildkröten machen mit 40% den größten Anteil ihres Exports aus.

Das Unternehmen, das Ferreira vertritt, setzt seit 2005 auf das Geschäft mit den Schildkröten. 2014 haben sie den Arbeitsgruppen 212.000 Taricaya-Schildkröten abgekauft und diese nach China verkauft. Der Preis für eine Schildkröte liegt im Naturschutzgebiet bei fünf Peruanischen Nuevo Soles (1,47 US-Dollar), auf dem chinesischen Markt bei 3,50 US-Dollar. Laut Ferreira seien die Tiere auf dem asiatischen Markt für weitere fünf Jahre nachgefragt.

Guillermo Pin, Vertreterin von Aqua Trade, einer peruanischen Firma, die Zierfische und Taricaya-Schildkröten exportiert, bestätigt, dass die Schildkröten als Zier- und Haustiere nach Asien exportiert würden. Seine Firma hat 2014 über 80.000 Exemplare exportiert.

Shanee sagt, dass einige Schildkröten-Arbeitsgruppen im Jahr 2013 nur 850 Tiere auf den Markt gebracht hätten. Die tatsächlichen Gewinner seien demnach die großen Exportunternehmen, die grosse Mengen umsetzen.

Seit der Entstehung des Naturschutzgebiets Pacaya-Samiria sind mehr als 30 Jahre vergangen. Das Management der Taricaya-Schildkröten hat sich zu einem guten Geschäft entwickelt. Dennoch verweisen Experten wie Ruiz und Shanee darauf, dass die wahren Gewinner auf diesem Markt nicht die Dorfbewohner sind, die sich dem Schutz und der Nutzung der Tiere verschrieben haben.  Neue Studien sollen darüber neue und genauere Erkenntnisse bringen.

Autor:  Carlos Alberto Rosales Purizaca

Übersetzung: Eva Tempelmann

Dieser Bericht wurde mit Unterstützung von Comunicaciones Aliadas und der Infostelle Peru e.V. produziert.

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