Es ist 12 Uhr mittags. Im Esszimmer einer Familie in Shapumba, einer indigenen Gemeinde in Lamas, wird gerade das Mittagessen gereicht. Zur gleichen Zeit notiert jemand in einem Klassenzimmer der einzigen Schule mit blasser Kreide an der Tafel eine Liste von Beschwerden und Reklamationen von etwa 15 Einwohner*innen, alle Eltern der Schulkinder.

“Wir, die Eltern in den indigenen Dorfgemeinden rund um das Tal von Sucshiya, leben in ständiger Sorge um unsere Kinder und alten Menschen. Sie leiden unter Durchfallerkrankungen, Atemwegsinfektionen und Hautallergien, verursacht durch das verseuchte Wasser, das durch unser Land fließt. Schuld trägt das Unternehmen Don Pollo und die Abwässer von Lamas”, erklärt José Pérez, Einwohner des Ortes Shapumba, der 500 Meter von der Hühnerfarm Don Pollo und 40 Meter von den Hängen des Tals von Sucshiya entfernt liegt.

Lamas ist ein touristisches Zentrum von Tarapoto im Department San Martín. Seit mehr als 20 Jahren ist die Bevölkerung mit Problemen der Wasser- und Luftverschmutzung konfrontiert. Das Unternehmen Don Pollo leitet Abwässer direkt in die Flüsse, ebenso wie das städtische Abwassersystem.

Kinder und Alte am meisten betroffen

Am meisten betroffen sind die Kinder und die alten Menschen der indigenen Dorfgemeinden Sucshuyaco, Shapumpa, Rumisapa und Cacatiachi. Das Wasser ist durch ansteckende Rückstände wie coliforme und thermotolerante Bakterien verseucht. Dies hat das Gesundheitsnetzwerk Lama, eine Einrichtung des Gesundheitsministeriums, bei Untersuchungen über die Wasserqualität in den Flusstälern Romeoyacu und Sucshiya festgestellt.

Diese Fäkalbakterien sind ein Nährboden für Infektionen und tödliche Krankheiten wie Durchfall, Deshydrierung, Cholera, Ruhr, Poliomelitis, Hepatitis, Salmonellen und Leptospirose. Letztere ist für die Einwohner*innen wie für die Tiere aufgrund mangelhafter Hygiene und fehlender Trinkwasser- und Abwassersysteme besonders gefährlich.

Remil Lozano, Sprecher des Gesundheitsnetzwerks von Lama, bestätigt Fälle von Durchfallerkrankungen und Deshydrierung bei Kindern. Sie reagieren am empfindlichsten auf verschmutztes Wasser und halten sich besonders häufig an Pfützen und stehenden Gewässern auf. In den letzten 15 Jahren habe der schlechte Zustand des Wassers zu einer Vermehrung der Mücken und Schnaken geführt. Das Wachstum des Unternehmens Don Pollo führe ebenso wie das Bevölkerungswachstum zu einer höheren Verschmutzung.

Lozano berichtet, dass sich die meisten EinwohnerInnen rund um Flüsse Yacu und Sucshiya aufgrund der Verschmutzung der Flusstäler zu Erdbohrungen gezwungen sehen, um an Wasser zum Kochen, Trinken und Waschen zu kommen, das den Mindestanforderungen für Hygiene entspricht.

“Heute gibt es im Tal von Sucshiya keinen Froschlaich mehr, alles ist tot. Seit das Unternehmen Don Pollo sich hier angesiedelt hat, kann man keine Lebensmittel mehr mit gutem Gefühl zu sich nehmen. Denn das Wasser stinkt, es ist schwarzbraun, schäumt und riecht nach Jauche und Abwasser,” erzählt Victor Campos, 78 Jahre alter Einwohner im Distrikt Rumisapa.

“Die meisten Menschen, die außerhalb der Stadt in ländlichen Gebieten leben, haben gesundheitliche Probleme, von einfachem Durchfall bis zu Cholera, Ruhr und anderen weit verbreiteten Krankheiten im Amazonasgebiet, alles aufgrund der mangelnden Hygiene und weil es kein Trinkwasser und kein Abwassersystem gibt. Die Toilettenabwässer gehen direkt in die Flüsse, wo die Anwohner*innen oft angeln, waschen und das Wasser für die Landwirtschaft und auch als Trinkwasser nutzen, ohne dass die Mindestanforderungen an ein menschenwürdiges Leben erfüllt wären,” bekräftigt Raúl Loayza, Infektologe an der Universität Cayetano Heredia.

Die Einwohner*innen der betroffenen Dorfgemeinden sehen ihre Lebensqualität stark beeinträchtigt durch den nach ihren Aussagen ekelerregenden Geruch der Schweine- und Geflügelstallungen von Don Pollo und des Flusses, in den das Unternehmen seine Abwässer leitet. Dennoch gibt es keine Umweltstudien, die beweisen könnten, dass der schlechte Geruch die Luft verpestet.

Rückzug des Unternehmens Don Pollo gefordert
Wasser ist ein Grundelement zur Erhaltung des menschlichen und natürlichen Lebens. Es kann aber auch zum Hauptübermittler von Krankheiten durch verschmutztes Wasser und Lebensmittel werden. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben täglich weltweit 23 Menschen aufgrund fehlender Abwassersysteme und Mangel an Trinkwasser.

1800 Millionen Menschen versorgen sich weltweit aus Trinkwasserquellen, die durch Fäkalien verseucht sind, so die WHO. So können Krankheiten wie Durchfall, Cholera, Ruhr, Typhus und Kinderlähmung übertragen werden. Man schätzt, dass die Wasserverschmutzung für mehr als 500.000 Tote jährlich durch Durchfallerkrankungen verantwortlich ist.

“Insgesamt 800 Kommunen leiten in Peru jährlich etwa 1,2 Kubikhektometer Abwässer in die Flüsse, die ins Meer münden. Von den landesweit 1007 Flüssen sind 50% in schlechtem Zustand. Ihr Wasser zu trinken kann ernsthafte Gesundheitsprobleme verursachen,” sagt Juan Carlos Vargas, Leiter des Wasser-Qualitätsmanagements der Nationalen Wasserbehörde (ANA).

Wie eine Wasser-Qualitätsstudie der ANA zeigt, enthalten die Flüsse Maxo, Huallaga, Shilcayo, Cumbaza in San Martín einen hohen Anteil von ansteckenden Elementen wie fäkalcoliforme Bakterien, Schwebstoffe, Blei, ammoniakhaltigen Stickstoff. Ihr Anteil liegt über den zulässigen Grenzwerten für den Erhalt des Flusswassers als natürliche Ressource und für den häuslichen Wasserkonsum.

Die meisten Flüsse in unserem Land sind aufgrund fehlender Abwassersysteme verseucht. Es fehlen die finanziellen Mittel und spezialisierte Fachleute. Eine weitere Ursache ist das Wachstum der Agrarindustrie, die mit ihren Anbauflächen zur Wasserverschmutzung beiträgt. Ein Beispiel hierfür ist Lamas: In den letzten 15 Jahren sind Landarbeiter*innen und Händler*innen aus den andinen und Küstengebieten nach San Martín emigriert. Dort sind sie im Anbau von Monokulturen wie Kakao, Kaffee, Palmöl, Reis beschäftigt. Dazu kommen die Auswaschungen durch Minen und organische und Industrieabfälle, die die Flüsse und Täler verseuchen.

“Als ich klein war, konnte ich mit meinen Freunden im Fluss Shucshiya baden. Am Wochenende gingen die Familien zum Fischen, die Schulkinder verbrachten ihre Frühlings- und Johannisfeste im Flusstal. Seit vor mehr als 15 Jahren das Unternehmen Don Pollo anfing sich auszubreiten, gibt es nichts mehr, alles ist tot”, erzählt Iván Tuesta, Bürgermeister des Distrikts Rumisapa. Zusammen mit anderen kämpfter dafür, dass die Geflügelfarm Don Pollo, nach Meinung der BewohnerInnen die Hauptverursacherin der Wasserverschmutzung, aus Lamas verschwindet.

Autorin: Maria Alfaro Guerrero

übersetzt von Annette Brox

Der Artikel ist im Rahmen des Projektes „Junge Journalisten berichten aus dem Regenwald entstanden“. Das Projekt wurde von Comunicaciones Aliadas und Infostelle Peru e.V. durchgeführt und vom BMZ finanziert.

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