Am 4.9.17 endete der peruweite Streik der LehrerInnen, von dem ca. zwei Millionen SchülerInnen an öffentlichen Schulen betroffen waren. Darunter waren auch die katholischen Privatschulen, deren Lehrergehalt der Staat bezahlt.  

Die Einschätzung darüber, warum gestreikt wurde, ob und welche Verhandlungen es dabei gab, und welche Ergebnisse  es nun gibt, ist schwierig. An dieser Stelle einen großen Dank an die  acht Personen in Peru, die ihre – unterschiedlichen – Einschätzungen dazu  geschrieben haben.

 

Was forderten die LehrerInnen?

  • Lohnerhöhungen  und -angleichung zwischen den nicht fest angestellten und fest angestellten LehrerInnen,
  • Streichung der „Evaluierungen“ für LehrerInnen
  • gegen eine Privatisierung der Bildung spez. durch Vorhaben im Sinne der Öffentlich-privaten Partnerschaften,
  • Erhöhung auf 10% der Staatsausgaben für die Bildung
  • Reform des Bildungsgesetzes

 

Die meisten der von uns Befragten und auch politische Kommentare sagten, dass die Schul-Bildungssituation in Peru miserabel ist, und dass die  LehrerInnen aufgrund der schlechten Schulpolitik in Peru frustriert sind.

 

Einige Informationen zum Streikverlauf:

Er begann am 15.5.17 in Cusco. Nach drei Wochen hatte er sich auf 13 von 17 Regionen in Peru ausgedehnt. In Cusco kam es rasch zu Verhandlungen mit der dortigen Regionalregierung. Deshalb dauerte er dort nicht so lange. Die Beteiligung der Lehrer am Streik war sehr stark, obwohl es in Peru kein Streikgeld gibt.

Vorgeworfen wird den Streikenden eine zunehmende Gewalttätigkeit, in einigen Regionen mit Flughafenbesetzung (Arequipa), Straßenblockaden etc

Es ist ein „offenes Geheimnis“, dass LehrerInnen der  dem „Leuchtenden Pfad“ nahestehenden Organisationen MOVADEFF und PROSEGUIR sich intensiv in den Streik einmischten – andere sprechen davon, dass sie sich unter die Streikenden eingeschleust und  teilweise die Streikführung übernommen hätten. Einer der Wortführer , Pedro Castillo,  sei von diesen Gruppen stark unterstützt worden, so dass er den landesweiten Streik anführte. Die klassistische Lehrergewerkschaft SUTEP wird stark von der  maoistischen Partei Patria Roja – Rotes Vaterland kontrolliert. Jetzt ist SUTEP   wohl von radikaleren Positionen und Personen „links“ überholt worden. Diese sprechen als „SUTE-Regionale Basis“ davon, eine neue Lehrergewerkschaft zu gründen. Damit wollen sie auch an die Gelder des Fonds Derrama Magisterial kommen, in den alle LehrerInnen einzahlen müssen.  Das wird schon als seltsam angesehen, dass jetzt die konservative, neoliberale Regierung unter Präsident Kuczynski die von Patria Roja geleitete Lehrergewerkschaft SUTEP unterstützen soll: Es gibt nur eine Lehrergewerkschaft, das ist SUTEP heißt es. Aber es gibt nächstes Jahr Wahlen in der Lehrergewerkschaft, da wird man sehen, welche Fraktion sich durchsetzt.

 

Was erreichten die Streikenden?

Eine  Lohnerhöhung war schon vorher in der Regierung beschlossen worden. Dafür hätte es, so auch der Politologe Carlos Tapia, keines so langen Streis bedurft. Das sei ein Fehler bzw. Kalkül des radikalen Flügels gewesen, nicht früher mit der Regierung zu Übereinkünften gekommen zu sein. Nicht zur Disposition der Regierung standen die vorgeschriebenen Evaluierungen.  Es gibt in drei Jahren drei solcher Evaluierungen. Wenn ein Lehrer die zum ersten Mal nicht besteht, kann er/sie an Fortbildungskursen teilnehmen und nach sechs Monaten gibt es das zweite „Examen“ und dann noch das dritte. Wer zum dritten Mal scheitert, verliert seinen Job als Lehrer. Eine Streikforderung war: Ein Lehrer kann nie entlassen werden, d.h. egal wie schlecht er ist ?

Die Streikforderung „Gegen die weitere Privatisierung der Schulbildung“ dürfte  eher ein Witz sein: Niemand wird sich eine öffentliche Schule aneignen, um damit Geld zu verdienen. Viel leichter ist es, eine private Schule zu gründen. Viele LehrerInnen schicken ihre Kinder auf private Schulen, wissend, wie schlecht die Qualität in vielen öffentlichen Schulen ist.

 

Die Haltung der Regierung zum Streik 

Alle Aussagen bestätigen, dass die Verhandlungsführung durch die Regierung sehr schlecht war. Die zuständigen Minister wurden auch vom Parlament nicht unterstützt. Es kam zu Repression, aber nicht so heftig, wie man es sonst in Peru kennt. Einige Quellen sagten: Es gab keine Toten.

Eine Strategie war es,  nach der Beendigung der Verhandlungen zwischen Regierung (hier Bildungsministerin Mertens) und den unterschiedlichen Streikführern auf eine Ermüdung zu setzen, und den Streikenden mit Lohnabzug  zu drohen. Davon sind jetzt wohl ca. 32.000 LehrerInnen betroffen.

 

 

Wie weiter ?

Am 5.9. 17 wurde der Streik mit einer Großveranstaltung in Lima für beendet erklärt. Zugleich wurde dort erklärt, dass der Kampf jetzt erst begänne.  Dieser Entscheidung gingen heftige Diskussionen im Streik- Zentralrat voraus. Die Regionen in denen z.B. Movadef aktiv ist, sprachen sich für eine Fortsetzung des Streiks aus. (Zur Erklärung: das wichtigste politische Ziel von Movadef ist die Freilassung von Abimael Guzmán, Anführer des Leuchtenden Pfades).

Der Streik wurde beendet, kurz bevor die Frist ablief, nach der die SchülerInnen das ganze Schuljahr verloren hätten. Nun dürfen die SchülerInnen über die Weihnachts- und Neujahrstage die Schulbank drücken und ein paar Wochen Sommerferien drangeben, um den verlorenen Stoff aufzuholen.

Die Schüler haben von den Lehrern auch gelernt, wie man sich durchmogelt: Es gab viele LehrerInnen, die sich zum Schulbeginn als „anwesend“ an der Schule eingetragen haben, dann aber nicht geblieben sind In einigen Städten – wie in Cajamarca –protestierten Schüler zusammen mit den Lehrern. Das ist eine kriminelle Handlung, denn es ist  gesetzlich verboten, Minderjährige in Situationen zu bringen, die gefährlich für sie werden können. Eine Demo in Peru ist potentiell immer riskant.

Stiefkind Pädagogik

Alle zu diesem Text Befragten gaben an, dass der Streik  durch eine Ermüdung der Beteiligten beendet wurde, dass die Streikbereitschaft immer mehr abbröckelte und auch immer mehr  Eltern einforderten, dass ihre Kinder wieder in die Schule können und nicht noch länger  „rumhängen“ oder gar das ganze Schuljahr verlieren..

Gar keine Rolle spielten beim Streik pädagogische Konzepte und Methoden: die didaktischen und pädagogischen Konzepte und Methoden, die in peruanischen staatlichen Schulen angewendet werden, seien veraltet, sozusagen aus der Steinzeit der Pädagogik. Warum ist das kein Thema für die Lehrergewerkschaft ?  Deshalb begrüßen viele Eltern, dass das Erziehungsministerium die Lehrer evaluiert und weiterbildet.  Es fehlt ja nicht an Modellen und konkreten didaktischen Formen.

Aber die tägliche Praxis ist noch oft so, wie eine jüngste Untersuchung  des Instituto de Estudios Peruanos  erneut ergeben hat. Eine begleitende Untersuchung in vier Städten (Stadt, Anden, Regenwald) und in 16 Klassen und zahlreichen Lehrerinterviews ergab:. Es gibt wenig Motivation für die Schüler, Fragen werden z.B. nicht an einzelne Schüler gerichtet, sondern an die ganze Klasse, und nur die Aktivsten kommen so dran;  die Frageform ist oft so, dass die Schüler nur mit Ja oder Nein antworten sollen; ein Dialog wird kaum zugelassen – Lehrer sagten, das würden sie so machen, weil sie ansonsten  Angst vor dem Verlust von Macht und Autorität haben…

 

Persönlicher Kommentar: Natürlich gibt es hervorragende Ansätze und Modelle im Schulbereich. Einige beziehen sich auf die Pädagogik der Befreiung (von Paulo Freire), andere auf die Montessori-Pädagogik. Es gibt Modellschulen (meist privat) z.B. in Cusco, in Huánuco, Lima (Villa El Salvador), Cajamarca, in kleinen Dörfern in den Anden und im Regenwald. Diese werden oft von deutschen  Partnergruppen unterstützt. Es gibt natürlich interessierte Lehrergruppen, die sich konzeptionell-didaktisch fortbilden. All das findet im besten Fall ausserhalb der Lehrergewerkschaft Sutep statt. Aussagen dazu waren: Die ideologischen Betonköpfe von Patria Roja interessiert all das nicht. Und weiter: Die Schulbürokratie lässt diese Ansätze kaum an sich ran. Im besten Fall wird was auf lokaler Ebene durch die Schulbürokratie (UGEL) akzeptiert.

Aber: Wenn wir auf unser Schulsystem schauen, auf das vorherrschende System des „Nürnberger Trichters“ oder des „Bankierskonzeptes der Bildung“ (Freire),  dann kommt uns vieles an der obigen Situation bekannt vor. Ein Beispiel: Wieviel  Energie hat es gekostet, dass  das Konzept des „Globalen Lernens“ Teil des offiziellen Curriculums wurde – und wo wird das überhaupt umgesetzt?

 

Heinz Schulze

 (Quellen: Aus  diversen peruanischen Zeitschriften, Rückmeldungen zu o.g. Aspekten von 10 Personen aus Peru, die sich intensiv mit politischen Fragen und der Bildungssituation beschäftigen, drunter Schuldirektoren, Bildungsforscher, DozentInnen, Eltern etc.)

 

 

 

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