GUT LEBEN statt BESSER LEBEN

Samstag, den 18. Juni 2011 um 05:43 Uhr Hildegard Willer
Drucken

Indigene Konzepte zur Lebensqualität

Ein Diskussionsbeitrag von  Heinz Schulze

Für uns Mitteleuropäer sind die indigenen Vorstellungen eines GUTEN LEBENS zunächst mal nicht gedacht, sie haben auch nichts mit esoterischen Fluchtszenarien aus der Realität zu tun. Unsere Art und Weise zu leben und zu produzieren ist anders als die von indigenen Völkern in den Anden oder im Regenwald Lateinamerikas. „VIVIR BIEN – GUT LEBEN“ ist ein positiver Ansatz, die aber gleichzeitig falsche Entwicklungsansätze ablehnt, die „wir“ (durch staatliche und private Entwicklungsprojekte wie auch besonders durch evangelikale Religionsgemeinschaften) indigenen Gemeinschaften gebracht haben.

Mit den Vorstellungen des GUTEN LEBENS wurde ich  erstmals 1992 „konfrontiert

Das geschah durch Gespräche mit Serafin Aju, einem methodistischen Aymara-Pastor aus Bolivien. Er war Teilnehmer einer Delegation von VertreterInnen indigener Organisationen aus Lateinamerika anlässlich der Protest- und Aufklärungskampagne „500 Jahre Kolonisierung und Ausbeutung“. Die Rundreise dieser interessanten Delegation haben wir mit organisiert und es war eine gelungene Antwort auf das Jubiläum der angeblichen „Entdeckung“ Südamerikas durch Kolumbus.

In späteren Briefen bemerkte Serafin Aju, dass es schwer sei, in seinem methodistischen Umfeld Ideen indigener Religiosität und Vorstellungen eines VIVIR BIEN in indigenen Gemeinschaften seinen theologischen KollegInnen, besonders in den USA,  zu vermitteln.

Das Konzept des GUTEN LEBENS entwickelte sich als Teil der Weltsicht indigener Organisationen. Erst heute ist das Konzept  aus der Umklammerung von nationalistischen indigenen Organisationen, orthodoxen linken Parteien, und  geschäftstüchtigen „Schamanen“ die das Thema esoterisch vermarkteten, herausgewachsen und stellt heute eine politische Leitlinie im Staat Bolivien dar.

Frühere Beschreibungen des GUTEN LEBENS waren unter anderem: „Früher im Inca-Reich war alles besser und nur ein zurück zu diesem (Anmerkung: Sehr autoritären Staatsgefüge) Zustand bringt alles Gute zurück“; „Schamanen führen  Rituale zur Naturverbundenheit und dem einfachen Leben durch, verhalten sich aber rein kapitalistisch.“

Die Unterschiede, was ein GUTES LEBEN konkret ausmacht, sind natürlich verschieden in andinen Dorfgemeinschaften oder indigenen Organisationen im amazonischen Regenwald. Das macht sich nicht nur an Begriffen wie „Mutter Erde“ (Anden) und “Mutter Natur“ (Regenwald) fest. Auch gelten diese Lebensvorstellungen nit mehr in allen indigenen Dorfgemeinschaften. Dort, wo der Einfluss kapitalistischer Religionen, z.Bsp. durch nordamerikanische Sekten, stark ist, und die Leute  sich deshalb nicht mehr an traditionellen Festen beteiligen, bestimmte Speisen nicht mehr essen dürfen, etc.

GUT LEBEN und nicht BESSER LEBEN

Eine Kernaussage lautet: Das GUTE LEBEN bezieht sich auf die Gemeinschaft, auf das Sich-Ergänzende, darauf, dass es nicht Ausbeuter und Ausgebeutete geben darf.  GUTES LEBEN bedeutet Kooperation und nicht die zerstörerische Form des Wettbewerbs, bedeutet ein Leben in Harmonie zwischen Personen und mit der Natur. GUTES LEBEN benötigt keinen Luxus, keinen Überfluss, keinen Wegwerfzwang und Konsumterror.

Lügen, stehlen oder brutal gegen die Natur vorgehen, das bringt eventuell ein BESSERES LEBEN für den Einzelnen. Aber das ist kein GUTES LEBEN. Besseres Leben beinhaltet: Besser leben wie der Andere. Das bedeutet in seiner Logik: Ich muss dafür andere ausbeuten, es entsteht ein heftiger Wettbewerb, es bedeutet Individualismus und Egoismus. Besser Leben ist Ausdruck des Konsumwahns, wie er heute vorherrscht.

Die Basis des GUTEN LEBENS ist die Gemeinschaft

Zugegeben, die ersten Erklärungsversuche sind noch sehr unkonkret. Es ist notwendig, einige Aspekte genauer anzuschauen.

Gutes Leben gründet  in indigenen Kulturen auf der Gemeinschaft (comunidad), auf den darin lebenden Familien. Sie sind Teil der Gemeinschaft, so  wie ein Blatt Teil einer Pflanze ist. Ein Blatt kann nicht zur Pflanze sagen: Ich mach was ich will, Du interessierst mich überhaupt nicht!

Wichtiges Prinzip ist die gegenseitige, organisierte Hilfe. Es ist dieses gemeinschaftliche Leben, in dem die Menschen ihre Fähigkeiten entwickeln können, ohne andere Menschen (zu sehr) zu nerven und die Natur zu zerstören.

Die Arbeit wird als glückstiftend gesehen, von den Kindern bis zu den Großeltern. In dieser Form bedeutet Arbeit Lernen um zu wachsen. Eine solche, nicht entfremdete Arbeit ist so natürlich wie das Atmen.

Der Inhalt und nicht die Verpackung ist entscheidend

VertreterInnen des Konzeptes des GUTEN LEBENS stellen fest:

- das herkömmliche Konzept der „Entwicklung“ ist gescheitert.

Nicht nur international tätige Organisationen und „Entwicklungsexperten“ sind als „Wortentwickler- und Aneigner“ unterwegs. Sie besetzen schamlos Begriffe wie: Nachhaltige Entwicklung, „harmonische Entwicklung“, Entwicklung mit Identität. Siehe dazu die Konzepte z.B. der Weltbank oder der GIZ-GTZ, eingebettet in das neoliberale Konzept des Wachstums, welches ein besseres Leben ermöglichen soll.

Bezogen auf indigene Gemeinschaften heißt das: Von vielen Seiten werden ihnen intensiv Angebote gemacht, die einen Zugang zu den Vorteilen der Modernität und zur Entwicklung ermöglichen. Genauer gesagt: Das Angebot lautet: BESSER LEBEN mit einer intensiveren Integration in den Markt, um so von den indigenen Völkern weniger Widerstand zu bekommen, wenn es um eine Öffnung ihrer Territorien geht für Erdölförderung, Bergwerksaktivitäten, Staudammprojekte oder massiven Tourismus. Zur Marktintegration gehört dann die Aufgabe „nicht rentabler“ traditioneller Lebensstile, eigene Überlebensstrategien zu vergessen oder als rückständig anzusehen, um dann leichter billige Arbeitskräfte zu werden. Das führt dann letztendlich dazu, dass die indigenen Gemeinschaften, denen die Basis für ein GUTES LEBEN weggenommen wurde, zu den Ärmsten der Armen werden.

Nicht zum Konzept des besseren Lebens gehört die Einhaltung internationaler Konventionen wie die ILO-Konvention 169, welche indigenen Gemeinschaften das Recht zugesteht, vor Beginn eines Großprojekts informiert zu werden und zu einer gemeinsamen Übereinkunft zu kommen (consulta previa).

Als Zwischenruf sei noch gesagt, dass die stattfindende Überausbeutung der natürlichen Ressourcen, vor allen Dingen durch Industrie und sog. Schwellenländer aktuell pro Jahr mehr als 30% höher ist,  als die Erde wieder regenerieren kann. Dies bedroht den ganzen Planeten, ganz besonders die indigenen Völker die in zerbrechlichen Ökosystemen leben.

Dieses BESSERE LEBEN zeigt z.B. bei dem indigenen Volk der Asháninka (ca. 60.000 Menschen) im zentralen Regenwald Perus deutliche Auswirkungen. Die starke Abholzung hat zu folgenden Veränderungen geführt: Die Trockenzeit ist so stark, dass die Flüsse austrocknen, Böden so hart werden, dass sie nicht bearbeitet werden können, die Sonneneinstrahlung so stark, dass die Kinder einen Sonnenbrand bekommen und die Erwachsenen nicht ohne Kleidung auf ihren kleinen Feldern arbeiten können. Die Regenzeit ist so stark, dass die Flüsse wie im März 2011 (Rio Ene und Rio Tambo) über 10 Meter  über das normale Regenzeithochwasser anstieg und viele Dörfer zerstörte, erstmals gab es dort Hagel, die Kälte hat zugenommen… fürwahr kein GUTES LEBEN.

Wir bieten der Welt eine Kultur für das Leben

Es ist wohltuend, wenn Politiker Tiefgründiges sagen. Aus Anlass des 100jährigen Geburtstags des verstorbenen Bischofs (Indiobischof) Proano in Ekuador (Januar 2011) vertiefte der Kanzler der bolivianischen Regierung David Choquehuanca Céspedes, das Konzept der Weltsicht indigener Völker und erklärte,  warum dieses Konzept des GUTEN LEBENS zur Staatsphilosophie Boliviens gehört.

„…Angesichts der Riesenprobleme, die die Menschheit und den Planet Erde bedrohen, gibt es aus unserer Sicht zwei Wege.

Entweder vertieft sich der Weg des neoliberalen Marktes mit Tod, Krieg und Zerstörung, oder wir verfolgen den Weg zu mehr Harmonie mit der Natur und des Lebens.

Wir sagen mit unserem uralten Wissen… wir repräsentieren die bessere Alternative, um die Erde zu retten. Kein Experte kann uns Vorschriften machen, wie wir in Harmonie mit der Natur leben sollen… Wir bieten der Welt unsere Prinzipien, kulturelle, spirituelle Normen, Kenntnisse und unser überliefertes Wissen… Wir sagen: Die globale Krise wird nicht gelöst, wenn wir nicht die Mutter Natur vor allen Katastrophen retten die entstanden sind durch die Dominanzkultur des Westens, die alles unter dem Verwertungsaspekt sieht… Wir müssen respektieren, dass alles auf der Welt LEBEN ist, dass alles aus der Natur stammt, dass wir – wie der Wind, die Pflanzen, die Steine, Tiere… Teil der Natur sind… und, dass der Planet Erde Heimat allen Lebens ist…“

Im Augenblick, so diejenigen indigenen Philosophen, Ältesten, politisch aktiven Frauen und Männer, die das Konzept des GUTEN LEBENS diskutieren und umsetzen wollen, sind sie durch Kolonisierung und aktuelle wirtschaftspolitische Maßnahmen nicht mehr sie selbst. Sie sehen die Aufgabe darin, wieder „Selbst“ (Subjekte) zu werden und nicht Objekte bleiben. Sollte das nicht gelingen, würde das Aussterben die logische Konsequenz sein.

„Selbst“ zu sein bedeutet ein Leben in Übereinstimmung

Das ist mehr als das Konzept „soziale Sicherheit“ weil dieses Konzept nur Personen betrifft. Das Konzept Übereinstimmung betrifft die Beziehung zwischen Menschen und der Natur.

Dieses Konzept bedeutet auch mehr als die aktuelle Vorstellung von Freiheit. Denn Freiheit bedeutet im (neoliberalen) Kontext die Freiheit des Einzelnen auch für sein besseres Leben zu stehlen, die Freiheit tausende Hektar Land zu besitzen und die natürlichen Reichtümer auszubeuten und dafür die indigenen Völker aus ihren Territorien zu vertreiben.

Im GUTEN LEBEN wird  das Sich-Ergänzen gelebt: Frau-Mann-Natur.

Deshalb ist das Streben nach gemeinschaftlichen Lösungen wichtig. Es ist wichtiger, auf Ebene der Dorfgemeinschaft zu einem Konsens zu kommen, als mit schnellen Abstimmungen eine unzureichende Demokratie zu pflegen…

Damit das Konzept des GUTEN LEBENS erfolgreich wird, muss es auf lokaler Ebene und internationaler Ebene eingebracht werden. Es muss auch von Regierungen, die in diese Richtung gehen bzw. davon reden,  praktisch unterstützt werden. Dazu gehört beispielsweise die Unterstützung der überlieferten Gesundheitssysteme – wobei die „Gesundheit der Gemeinschaft“ ebenso wichtig ist wie die Gesundheit eines einzelnen Körpers. Dazu gehört natürlich auch die Verfügbarkeit genügend gesunder Lebensmittel ohne Chemie.

Wichtig ist auch die Unterstützung nationaler Stellen (Ministerien) wie internationaler Organisationen bei der Wiederaneignung ursprünglicher Erziehungsformen. Wobei es im Prinzip um die Wiederherstellung der eigenen Kommunikation geht. Das war und ist die Basis unserer Lernprozesse. Das findet statt in der gemeinschaftlichen Arbeit, in den sozialen Beziehungen und Riten und das soll wieder verstärkt in die eigenen Erziehungsvorstellungen einfließen.

An den Themen Interkulturelle Gesundheit, Bildung, Kommunikation soll das etwas verdeutlicht werden: Notwendig für eine solche interkulturelle Gesundheit und Bildung ist die Möglichkeit der Nutzung eines intakten, ausreichenden Regenwaldes, um die gesunde Ernährung und Versorgung mit Heilpflanzen zu sichern – heute mit Versorgungsmöglichkeiten der modernen Medizin angereichert. Dabei ist die Gesundheit im Dorf (wenig Streit, sauberes Wasser etc.) ebenso wichtig  wie die Gesundheit des Körpers. Die indigenen Vorstellungen der (Schul)-Bildung müssen wieder entdeckt und in den Schulen umgesetzt werden. Stichworte sind: Zweisprachiger Unterricht, aus der Praxis für die Praxis-Modell, Stärkung der eigenen sozialen Praxis auf Werte (Kooperation statt Egoismusförderung), Stärkung der eigenen Kommunikation im Dorf, wenn sie durch Einflüsse von innen und außen (wie Streit durch die Zugehörigkeit unterschiedlicher Religionen) gestört ist.

Forderungen an die industrialisierten Länder

„…Sie müssen abspecken, müssen die aktuellen Modelle von Entwicklung und Energiegewinnung ändern, müssen von ihrer zerstörerischen Wachstumsideologie wegkommen, müssen den unverantwortlichen Konsum einschränken, wie den irrsinnigen und wegwerferischen Gebrauch der natürlichen Rohstoffe.

Menschen, die aus den Industrieländern zu uns kommen, müssen unser Konzept des GUTEN LEBENS akzeptieren und mithelfen, dass dieses verstärkt in der Praxis Anwendung findet.

Es geht um eine partnerschaftliche Kooperation auf nationaler und internationaler Ebene, um so einen wirksamen Beitrag zur Verteidigung des Lebens auf unserer Erde zu leisten.

Literatur:

David Choquehuanca Cespedes: Canciller del Estado de Bolivia, in Servindi, 24.3.2011,

Die Qualität der Erziehung und die Weltsicht der indigenen Völker (Kongress indigener Völker, Lima, 2008: Vom frechen Affen und ungleichen Brüdern – Erzählungen und Weisheiten aus dem peruanischen Regenwald, Nord Süd Forum München (www.nordsuedforum.de)

Diverse Dokumente von Kongressen und Beiträgen indigener Organisationen wie AIDESEP (Peru), ARPI (Asháninka-Peru), COICA (Zusammenschluss indigener Organisationen auf lateinamerikanischer Ebene)

28.5.11, Heinz Schulze