Informationsstelle Peru e.V.

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Tagungsbericht: Medios - memoria - violencia

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Das Kolloquium „Peru: Medios- Violencia –Memoria“   vom 14. bis 16. Juli  2011  , organisiert von der Universität Ruiz de Montoya in Lima  und der Universität Hamburg,  war  für uns als Berliner ISP-Gruppe  Anlass, das Thema  der Erinnerung an die dramatische Zeit des „internen Krieges“  in Peru,   der Erinnerungskultur und der politischen Aufarbeitung und Reaktionen zu debattieren.

Hier können Sie einen Bericht zu den beiden Treffen lesen

Rocio Silva Santisteban, Jorge Aragon und Felix Reategui waren unsere Gäste hier in Berlin bei zwei interessanten und erhellenden  Diskussionsveranstaltungen. Hier kommen nun einige  kurze Eindrücke davon. - Als herausragenden Referenten bei dem Hamburger Kolloquium möchte ich in diesem kleinen Bericht außerdem auf Salomon Lerners Beitrag eingehen.

Rocio Silva Santisteban, seit Beginn des Jahres Koordinatorin des peruanischen Dachverbandes der Menschenrechtsorganisationen (CNDDHH) machte klar: Menschenrechte  zu verteidigen ist nicht  nur ein juristisches und administratives Problem, sondern vor allem ein politisches:  Staatsbürger und der  Staat  müssen einen „Pakt“ schließen, um  gemeinsam eine inklusive und multikulturelle Gesellschaft aufzubauen.  Eine wichtige Frage heute in Peru ist, welche Rolle die  damaligen staatlichen Täter im Nation-Building einnehmen: die Militärs und die Gefolgsleute von Fujimori, erklären  ihre Verbrechen noch immer meist als notwendig zur Verteidigung des „demokratischen Staates“.

Rocio betont, dass sie gegenüber der neuen Regierung  die Rolle der „Vigilancia“  einnehmen wird; von einem Menschenrechts-Pakt des CNDDHH mit Humala könne man  nicht sprechen. Positiv sieht sie das Vorhaben der Gründung eines Vizeministeriums für Menschenrechte. Die CDDHH wird in Zukunft enger mit der „Defensoria del Pueblo“ (Ombudsstelle)  koordinieren und das Thema der historischen Aufarbeitung, z.B.  des  „Museo de la Memoria“ in Lima,  gemeinsam  voranbringen. Dezidiert weist sie die Kritik an dem Standort  des Museums (Miraflores) zurück; es handle sich um eine nationale Gedenkstätte, die deshalb auch im Zentrum der Republik angesiedelt werden soll. -

Rocio hat sich auch besonders  mit der Rolle und der Darstellung der  Frauen im bewaffneten Konflikt Perus befasst. Sie stellt heraus, dass  die weiblichen Opfer meist klischeehaft als  „chemisch reine“  arme Wesen dargestellt werden (Bsp: „Mama Angelica“ von ANFASEP); Frauen auf der anderen Seite des Kampfes und ihre Motivation und Schicksale  werden ausgeblendet.

Insgesamt ist für sie die aktive Konstruktion des  historischen Gedächtnisses ein langer Prozess, dem auch der Außenblick sowie die Unterstützung durch die EZ zugute kommen.

Der Politikwissenschaftler Jorge Aragón unterscheidet bewusst zwischen „victimas“ (Opfer) und „afectados“ (Betroffene);  das ganze Land war und ist noch immer betroffen von den kriegerischen Ereignissen und ihren Folgen. Das zeigt sich etwa an der allgemein  sehr geringen Wertschätzung der Demokratie als politischem System, der sozialen Exklusion vor allem der andinen und Tieflandbevölkerung  und der Schwierigkeiten mit  einer  interkulturellen und dezentralisierten Entwicklung (im Justiz- und Bildungswesen).  Die Bevölkerung von Ayacucho etwa zeigt  in einer landesweiten Umfrage noch immer den niedrigsten Wert im Vertrauen in die nationale Polizei. Allerdings haben die aktuellen und  stark zunehmenden  Konflikte in Peru meist soziale und ökologische Gründe, und es kann kein Zusammenhang zwischen diesen neuen Konflikten und dem internen Krieg nachgewiesen werden. Aber sie zeigen doch, dass sich  die Beziehungen zwischen dem Staat und der Gesellschaft wenig verändert haben.

Felix Reategui arbeitete als Berater von Salomon Lerner, als dieser Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission (CVR) war,  und koordinierte die Erarbeitung des Abschlussberichtes der CVR. Felix stellt  heraus, dass zu unterscheiden sei zwischen der offiziellen  und der gelebten Erinnerung.  Er spricht von einer „Erinnerungstechnologie“, die sich transnational verbreitet hat, etwa auch durch die Entwicklungszusammenarbeit.  Wer hat die Oberhoheit über diese Kultur?  Der Streit um das  „Museo de la Memoria“ zeigt die verschiedenen Ebenen der Wahrheit, die erinnert werden soll: die staatlich- administrative,  die juristische, die politisch-ethische und die menschenrechtliche Wahrheit.  Die Wahrheitskommission  hat etwa 17000 Opfer oder Zeugen direkt befragt und ihre Wahrheit statistisch erfasst, wobei das  individuelle Erleben und Empfinden  in diesem Massendurchlauf  kaum detailliert erfasst und zu  wenig gewürdigt werden konnten.

Juristisch  wurden die  Verbrechen als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“  deklariert,  das Vorliegen eines Genozid  wurde nicht anerkannt, obwohl bei der  Opfergruppe der Ashaninka ein solcher durchaus angenommen werde könnte.

Insgesamt stellt Felix fest, dass die Arbeit der CVR  kaum dazu beitragen konnte, dass die extreme Exklusion der andinen und indigenen Bevölkerung sich verändert hätte. Im Gegenteil, es gäbe heute fast mehr Rassismus und Arroganz in der neuen wohlhabenden städtischen Schicht;  der Rassismus im öffentlichen Diskurs (z.B. „perro de hortelano“) hat zugenommen.

Die Empfehlung der CVR,  ein Schulwesen zu entwickeln, wo die Schulen „gleichwertige peruanische BürgerInnen“  ausbilden,  ist eine Illusion geblieben.

Salomon Lerner als ehemaligem Leiter der CVR liegt heute besonders die Umsetzung der  Empfehlungen der CVR am Herzen.  Ein kollektiver Lernprozess, welcher - ausgehend von dem Wissen um die schlimmen  Ereignisse- ermöglicht, adäquate Reformen und öffentliche Politiken zu entwickeln,  ist  nicht wirklich  in Gang gekommen.  Die herrschende autoritäre Kultur müsste abgebaut und eine wahre Bürgergesellschaft  aufgebaut werden, um die ethischen, sozialen und moralischen Schulden zu begleichen! Auch die bisher geleisteten Wiedergutmachungsansätze  –individueller und kollektiver Natur – sind nach Lerner ungenügend, unkohärent und ungerecht. Der „Consejo de Reparaciones“ (Beirat für Wiedergutmachung) leidet unter  chronischer Finanzknappheit,  und die Fristen für die Anmeldung von Ansprüchen wurden einseitig und willkürlich festgelegt.  Die extrem niedrigen Summen, die als finanzielle Entschädigung genannt werden (z.B. eine einmalige Zahlung von 5000 Soles für eine Bürgerkriegswitwe), zeigen die geringe Ernsthaftigkeit, mit der die Frage bisher angegangen wurde.

Die kommende Regierung müsse  eine gerechte und würdige Lösung bezüglich  der Reparationen finden,  wenn sie die  historische  tiefe Kluft in der Gesellschaft, die dieses dunkle Kapitel der peruanischen Geschichte  noch  vergrößert hat,  überwinden will. Das aktuelle wirtschaftliche Wachstum müsse allen PeruanerInnen zugute kommen, sagt Salomon Lerner sehr entschieden.

Wir danken unseren Gästen und Referenten und der Referentin  für ihre spontane  Bereitschaft, sich mit uns zu treffen und zu diskutieren.

(Autorin: Mechtild Ebeling)

Hinweisen möchten wir  noch auf zwei lohnenswerte Publikationen für Interessierte, die sich noch weiter mit der Arbeit der CVR befassen möchten:

„Wider das Vergesen – Yuyanapaq“  : Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Peru

Verfasser: Salomon Lerner und Josef Sayer

Herausgegeben von MISEREOR und der ISP

Grünewaldverlag,   ISBN  978 – 3 – 7867 – 2720 -  0

„Die Wahrheit sagen“ – Perus Wahrheits- und Versöhnungskommission 2001 – 2003 –

eine kritische Würdigung

Verfasserin: Franka Winter

Tectum Verlag,  ISBN  978  3 – 8288-9794 - 6